Flucht ist kein Kinderspiel

Artikel-Stadt-Gottes-Mai-2017Tausende Kinder und Jugendliche kommen als Flüchtlinge nach Österreich und erhoffen sich Schutz, Frieden und Bildung. Weil ihnen viele Rechte verwehrt sind, bleiben sie Kinder "zweiter Klasse".

Ursula Mauritz

Jahr für Jahr flüchten tausende Kinder und Jugendliche vor Krieg und Verfolgung. In Österreich erhoffen sie sich Schutz, Frieden und Bildung. Weil ihnen viele Rechte verwehrt sind, bleiben sie Kinder „zweiter Klasse“.

Als Mohamed* 15 Jahre alt war, musste er seine Heimat verlassen. Eltern und Geschwister, Freunde und Verwandte. Alles, was ihm lieb und vertraut war. In Afghanistan war das Leben des Jungen in Gefahr, deshalb schickten ihn die Eltern auf die lange und gefährliche Reise in eine bessere Zukunft.

Mohamed hatte keine Ahnung, was ihn am Ende seiner Flucht in Europa erwarten würde, wie es in einem Land sein würde, dessen Sprache er nicht spricht. Zu Fuß gelangte er bis in die Türkei, wo er arbeitete, um Geld für die Weiterreise zu verdienen. Die Erinnerungen an die Fahrt übers Meer nach Griechenland machen ihm immer noch zu schaffen. Mit Dutzenden anderen Flüchtlingen kauerte er in einem Schlauchboot und musste miterleben, wie neben ihm Menschen ertranken. Mohamed schaffte es nach Europa. Von Griechenland ging es eng zusammengepfercht in Transportern bis nach Österreich. Monatelang musste er in einem Sammellager auf sein Alters- feststellungsverfahren warten. Heute lebt Mohamed in einer sozial-pädagogischen Einrichtung, besucht einen Deutschkurs und wartet auf den Beginn seines Asylverfahrens. Darf ich bleiben? Muss ich weg? Werde ich meine Familie wiedersehen? Diese Fragen quälen ihn Tag und Nacht.

Kinderrechte werden verletzt

Wie Mohamed geht es tausenden jungen Flüchtlingen. „Nach Artikel 1 der UN-Kinderrechtskonvention gilt jeder Mensch unter 18 als Kind. Doch bei Kinderflüchtlingen werden die Kinderrechte, die Minderjährigen besonderen Schutz zusichern, auch in Österreich systematisch verletzt“, erklärt Eva Kern, Geschäftsführerin des Don Bosco Flüchtlingswerks. Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) erhalten weniger Betreuung, Bildung und Gesundheits-leistungen als österreichische Kinder.

„Es beginnt damit, dass Kinder und Jugendliche, die ohne Eltern geflohen sind, nach ihrer Ankunft in Österreich oft viele Monate in großen Flüchtlingslagern verbringen müssen. Dort gibt es keine kindgerechte Betreuung, keine Freizeit- möglichkeiten und keine Möglichkeit zu lernen“, kritisiert Kern. Erst nach erfolgter Altersfeststellung werden die Jugendlichen in Wohngemeinschaften untergebracht, wie sie z.B. Caritas, Diakonie oder das Don Bosco Flüchtlingswerk führen.

Die bis zu drei Jahre langen Asylverfahren stellen eine große psychische Belastung dar. „Das Warten auf den Ausgang des Verfahrens ist zermürbend“, weiß Eva Kern. Auch das Kinderrecht auf „elterliche Fürsorge“ ist für Flüchtlingskinder defacto nicht gegeben. Die Länge der Asylverfahren und die Verschärfung der Gesetze (drei Jahre Wartefrist ab Zuerkennung des Status bei subsidiär Schutzberechtigten) machen Familienzusammenführungen nahezu unmöglich. „Bis das Asylverfahren abgeschlossen und die Frist verstrichen ist, sind sie über 18 Jahre und das Recht ist verwirkt“, erläutert Kern.

Kein Geld für Sport

Auch was die Unterbringung betrifft, sind UMF gegenüber österreichischen Kindern benachteiligt: Wohngemeinschaften für österreichische Kinder beherbergen bis zu zehn, WGs für UMF bis zu 15 Jugendliche. Der Tagsatz beträgt für österreichische Kinder 120 Euro und mehr, bei Flüchtlingen sind es maximal 95 Euro. Davon müssen qualifizierte Betreuer, Miete, Betriebskosten, Infrastruktur usw. finanziert werden. „Weil es am Geld für Fußballschuhe oder Sportgewand fehlt, ist es jungen Flüchtlingen oft nicht möglich, an Freizeitaktivitäten teilzunehmen. Dabei ist Sport der beste Weg zur Integration!“

Einschränkungen werden auch bei medizinischen Leistungen gemacht, so gibt es z.B. zu wenig Psychotherapieplätze auf Krankenschein. Das ist besonders schlimm, wenn die Kinder aufgrund ihrer Erlebnisse traumatisiert sind.

Ausbildung? Leider nein!

Besonders ungerecht empfindet die Geschäftsführerin des Don Bosco Flüchtlingswerks, dass minderjährige Flüchtlinge explizit von der Ausbildungs- pflicht, die 2016 in Österreich gesetzlich verankert wurde, ausgenommen sind. „Das Recht auf Bildung kommt nicht zum Tragen, da ist ein großes Versäumnis!“ Nur schulpflichtige Flüchtlinge haben ausdrücklich das Recht, zur Schule zu gehen, eine Lehre ist nur in Mangelberufen möglich, wenn es keine österreichischen Bewerber gibt. „Bildung ist der Schlüssel zu einer besseren Welt“, sagt Eva Kern. „Wenn der Jugendliche kein Asyl erhält und wieder zurückkehren muss, ist die erworbene Bildung als Entwicklungshilfe gut investiert.“

„Jugendliche Flüchtlinge brauchen eine Tagesstruktur, damit sie nicht nur herumsitzen. Sie brauchen ein soziales Umfeld, Sport, Freunde und ein Stück Normalität“, betont Eva Kern. „Das Don Bosco Flüchtlingswerk und andere NGOs versuchen ihnen das in ihren Einrichtungen zu bieten. Die Betreuer bemühen sich, die bestmögliche Ausbildung für die Jugendlichen zu finden.“ In den Wohngemeinschaften des Don Bosco Flüchtlingswerks lernen sie kochen, putzen und waschen und werden so auf das Leben „danach“ vorbereitet. Denn mit dem 18. Geburtstag müssen die Jugendlichen in ein Flüchtlingsheim für Erwachsene übersiedeln und sind auf sich allein gestellt. Mohamed ist jetzt 17. Was wird in einem Jahr sein?

Gleiche Rechte für alle Kinder

Die Kampagne „Keine halben Kinder“ macht auf die Benachteiligung von Flüchtlingskindern aufmerksam und fordert dazu auf, die Kinderrechte für alle in Österreich lebenden Minderjährigen, unabhängig von Status, Religion, Herkunft und Geschlecht, zu gewährleisten. 60 Organisationen aus dem Kinder- und Jugendbereich unterstützen die Initiative, die vom Don Bosco Flüchtlingswerk ins Leben gerufen wurde.

* Name von der Redaktion geändert

In Stadt Gottes Mai 2017, Seite 08

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Flucht ist kein Kinderspiel Stadt Gottes Ausgabe Mai 2017

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