
Nicht den Traditionswächtern gehört die Zu- kunft, sondern den Kühnen und Mutigen. Sie gehört Menschen, die zusammenbringen, was früher getrennt, die Lebenswege gehen, die früher versperrt waren. Menschen somit, die zu Wandlungen und Weiterent- wicklungen fähig sind. Karl Josef Kuschel
Dieser Impuls des deutschen Theologen bewegte uns bereits in der Vorbereitung auf unser diesjähriges Weihnachtsfest. Wir fragen:
Und wem gehört Weihnachten?
Seit nunmehr acht Jahren teilen wir Salesianer Don Bosco den Heiligen Abend mit 16 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen, die mit uns unter einem Dach wohnen. Zurzeit sind sie alle von muslimischem Glauben und kamen aus Afghanistan. Ein Großteil von ihnen ist in diesem Jahr neu zu uns gestoßen. Mutig und kühn sind sie wirklich: Allein unterwegs hinein in die große Unsicherheit und Fremde. Das soll einer mal zusammenbringen. Sie kamen über rigide Grenzen, die ihnen den Weg versperrten.
Nun hatte uns der Heilige Abend zusammengebracht. Zuvor schon hat Rajab mitgeholfen den Christbaum zu dekorieren. Dawoud und Najib hatten ein festliches Abendessen vorbereitet. Jede Menge Kekse stifteten Tibor und unsere Haushälterin, die „Wiener Tafel“ bescherte uns Pepsi und Süßigkeiten. Mostafa las die biblische Weihnachtsbotschaft in persischer Sprache und Mir, unser Dienst habender Betreuer, übersetzte auf Dari, damit alle sie verstehen sollten. „Und wer übersetzt auf Deutsch?“, fragte Abdul. Wir sangen als Übersetzung „O Jubel, o Freud …“, und wer irgendwie konnte sang mit.
„Der Koran berichtet auch von der Geburt Jesu und von seiner Mutter Miriam.“ Ich musste gestehen: „Ich kann aber kein Arabisch.“ „Das kann hier ein jeder“, echote es von allen Seiten. Najib rezitierte spontan die Stelle aus der 19. Sure: Miriam, unverheiratet und ein Baby, diese Schande! Sie sagt: „So schaut ihm doch in die Augen!“ Und als sie dem Knaben in die Augen schauten, waren sie wie durch ein Wunder von Gottes barmherziger Liebe berührt.
„Er ist ein großer Prophet, ein ganzer Mensch, kein Gottessohn“, sagt die muslimische Tradition. „Er ist der Mensch gewordene Sohn Gottes“, lautet die christliche Tradition.
Wir saßen beieinander, um uns in die Augen zu schauen und das große Geheimnis zu erahnen, dass Gottes/Allahs barmherzige Liebe uns berührt. Was immer die Traditionshüter dazu sagen mögen: Wir haben gemeinsam das Geburtsfest Jesu gefeiert, haben zusammen geholfen, dass es ein Fest werden konnte, Agid hat die Kerzen am Christbaum entzündet. „Stille Nacht“ wurde angestimmt „… Jesus, der Retter ist da.“ Wer sollte uns hindern daran zu glauben, dass er mitten unter uns war, als wir die kleinen Geschenke verteilten, die Burschen ihre eigenen Musikrhythmen hervorholten und zu tanzen begannen.
Wenn Menschen der Wandlung und Weiterentwicklung zu einer Solidargemeinschaft in Gerechtigkeit und Liebe fähig werden, wird Weihnachten wahr.
Zur selben Zeit richteten Traditionsfanatiker in Nigeria unter gläubigen Christen ein entsetzliches Blutbad an.
Rudolf Decker SDB