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ORF-Greinecker Preis für Zivilcourage 2010

Auszeichnungen für Behinderten-Aktivistin Klaudia Karoliny und Margit Pollheimer vom Don Bosco Flüchtlingswerk Austria

„Die wirkliche Auszeichnung besteht in der Würdigung des gesellschaftlichen Engagements, die dieser Preis ausdrücken soll“, sagte Sissy Mayerhoffer, Leiterin des ORF-Humanitarian Broadcasting, die gestern, Dienstag, den 15. Juni – gemeinsam mit ORF-Publikumsrat, Schauspieler, Autor und Intendant Professor Gerhard Tötschinger – die diesjährigen Ehrungen im ORF-Zentrum vornahm. Mayerhoffer: „Der ORF setzt damit seit 23 Jahren ein Zeichen für gelebtes Miteinander und ich freue mich ganz besonders, dass heuer gleich zwei Frauen für ihr außergewöhnliches, zivilgesellschaftliches Engagement ausgezeichnet werden. Erstmals in der Geschichte dieses Preises mit Klaudia Karoliny eine Frau, die mit einer Behinderung geboren wurde und mit Margit Pollheimer die jüngste Greinecker-Preisträgerin bisher.“

Die feierliche Vergabe der diesjährigen Preise fand vor rund 90 Personen im ORF-Atrium am Küniglberg statt – darunter auch etliche Vorjahrespreisträger wie Mag. Martin Haiderer, Begründer der „Wiener Tafel“, Flüchtlingshelferin Ute Bock, die heute 94jährige Margarete Houska vom Integrationshort „Billykids“ in Wien-Margareten sowie viele Jugendliche vom Don Bosco Flüchtlingswerk Austria und Menschen mit Behinderungen bzw. Behinderten-Aktivist/innen. Mayerhoffer: „Wir haben viele Altersgruppen, Menschen mit und ohne Behinderungen und auch viele Nationen heute hier vertreten und ich denke, dass das ganz im Sinne des Stifters ist, der diesen Preis auch für gelebtes Miteinander initiiert hat.“

Pollheimer: „Recht auf Zukunft für junge Menschen“

Die 1976 in Mödling bei Wien geborene Niederösterreicherin MMag. Margit Pollheimer ist die zweite Preisträgerin des „ORF-Greinecker Preises für Zivilcourage 2010“ und Geschäftsführerin des Vereins „Don Bosco Flüchtlingswerk Austria – Recht auf Zukunft für junge Menschen“, der sich für die Betreuung und Integration unbegleiteter, minderjähriger Flüchtlinge sowie junger Erwachsener in Österreich einsetzt. Pollheimer engagierte sich bereits sehr früh für dieses Anliegen und sammelte viele Erfahrungen in zahlreichen entwicklungspolitisch gewichteten Auslandsaufenthalten. So betreute sie bereits nach der Matura Straßenkinder in Ecuador und arbeitete mehrmals mit Jugendlichen in Tijuana, Mexiko, jeweils in Zusammenarbeit mit den Don Bosco-Salesianern. Diese Erfahrungen waren auch Gegenstand ihrer Diplomarbeit, die unter dem Titel „Aufwachsen an der Grenze zweier Welten“ auch in Buchform erschienen ist. Laudatorin Sissy Mayerhoffer: „Doch auch in Österreich leben junge Menschen, insbesondere Flüchtlinge und Asylwerber, ,an der Grenze zweier Welten‘. Viele sind auf sich allein gestellt und ihrer Hoffnungen auf eine bessere Zukunft lassen sich ohne Hilfe von außen nicht erfüllen.“
Der jungen Ethnologin und Pädagogin Pollheimer ist es auch ein besonderes Anliegen in ihrer Arbeit den Kindern und Jugendlichen aus „verschiedenen Welten“ einen Schulabschluss bzw. eine entsprechende Ausbildung zu ermöglichen und sie soweit wie möglich zu integrieren, was unter anderem auch über sportliche Aktivitäten erfolgreich ermöglicht wird. Mit den Projekten „Tobias“, „Abraham“ und „Moses“ des Don Bosco Flüchtlingswerkes gibt es mittlerweile drei Projekte in Wien, Niederösterreich und im Burgenland, die sich dieser Aufgabe widmen.
Mayerhoffer abschließend: „Ich wünsche Ihnen weiterhin noch viel Erfolg in Ihrer so wichtigen Arbeit und dass es ihnen gelingt, möglichst vielen jungen Menschen ,ihre positive Sicht der Zukunft‘ zu erhalten und sie auf einen erfolgreichen Lebensweg zu bringen und dabei ein Stück weit zu begleiten und zu unterstützen – oder, um es mit dem Leitspruch Don Boscos zu sagen: dazu ,beitragen, damit das Leben junger Menschen gelingt‘“.

Pollheimer freute sich in ihren Dankesworten über die Auszeichnung und darüber, „dass der ORF uns damit die Möglichkeit gibt, mit unserer Arbeit mehr Öffentlichkeit zu gewinnen und damit auch mehr Unterstützung zu finden, denn wir sind nicht nur auf Spenden, sondern auch auf die Mitarbeit vieler freiwilligen und ehrenamtlicher Helfer/innen angewiesen.“

Karoliny: „Nicht über uns – ohne uns!“

Klaudia Karoliny wurde 1960 als eines von sechs Kinder ihrer Eltern in Gmunden geboren. Sie kam mit einer schweren Körperbehinderung, im Volksmund „offener Rücken“ genannt, zur Welt, was unter anderem auch eine angeborene Querschnittlähmung mit sich brachte. Karolinys Start ins Leben war schwierig, ihre Kindheit mit vielen Krankenhausaufenthalten verbunden und in ihrer schulischen und beruflichen Laufbahn musste sie immer wieder viele Barrieren – bauliche wie gesellschaftliche – überwinden. Gerhard Tötschinger in seiner Laudatio: „Frau Karoliny musste mehr kämpfen, als andere Kinder und Jugendliche ihres Alters. Der Rollstuhl als sichtbares Zeichen ihrer Behinderung stieß und stößt bis heute auf viele Barrieren im öffentlichen Raum – und er erzeugt auch Barrieren, wo eigentlich keine sein sollten. Barrieren in Köpfen, Berührungsängste, die vielfach ihren Ursprung in der eigenen Unsicherheit und im Unwissen haben, wie man einem Behinderten entgegentritt.“

Im Dezember 1994 schlossen sich Menschen mit Behinderung zusammen und wurden aktiv. Sie gründeten die „Selbstbestimmt-Leben-Initiative“ (SLI), mit dem Ziel, die Behinderten¬politik aktiv zu gestalten und einklagbare Rechte zu erwirken. Gemeinsam treten sie gegen Diskriminierung und Benachteiligung auf und für Chancengleichheit von Menschen mit Behinderungen ein. Klaudia Karoliny ist Gründungsmitglied dieser Initiative und war und ist als treibende Kraft daran beteiligt. Sie gab ihren Posten beim Land Oberösterreich auf und arbeitet seit September 2008 im Empower¬ment Center der jetzt SLI. „Empowerment“ heißt Selbst-Ermächti¬gung, und genau darum geht es: behinderten Menschen zur gleichberech¬tigten Teilhabe am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben zu verhelfen.

Tötschinger erinnerte in seiner Laudatio auch an die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, die 2007 auch von Österreich unterzeichnet und 2008 ratifiziert wurde: „Verlangt werden keine ,besonderen‘ Rechte für Menschen mit Behinderung, nur, dass behinderte Menschen dieselben Rechte haben wie alle anderen auch.“

Das ist auch das Motto der „Selbstbestimmt-Leben-Initiative“, an das Karoliny in ihrer Danksagung nach der Preisüberreichung erinnerte: „Nicht über uns – ohne uns!“. Karoliny unterstrich, dass es in der Behindertenpolitik heute um mehr gehe als „um die Überwindung von baulichen Barrieren“. Die SLI setze sich vielmehr auch „für die einklagbaren Rechte von behinderten Menschen für eine gleichberechtigte Teilhabe am öffentlichen Leben ein.“

Der ORF-Greinecker Preis ist benannt nach dem 1997 verstorbenen Wiener Fritz Greinecker, der diesen Preis 1985 für „Menschen, die durch ihr Leben und Wirken Vorbild geworden sind“ initiiert hat und der vom ORF im Rahmen einer Stiftung verwaltet wird. Geehrt werden seither Persönlichkeiten, die sich im Sinne des Stifters durch „gelebte Solidarität auszeichnen bzw. für vorbildliche, nachhaltige und gesellschaftsverbindende Projekte“ einsetzen. Der „ORF-Greinecker Preis 2010“ ist mit insgesamt 6.000 Euro dotiert, die zu gleichen Teilen auf die beiden Preisträgerinnen aufgeteilt werden.

Ein Kurzporträt über Margit Pollheimer wird am Mittwoch, dem 23. Juni, gleichfalls in der „Sommerzeit“, ab 17.40 Uhr in ORF 2, ausgestrahlt.

christine kaiser/orf/red
Foto oben: ORF / Leitner; andere Fotos: Klaus Pollheimer

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