
Unter existenziell neuen Umständen feierten unsere Bewohner das Abraham-Opfer-Fest, Id ul-Adha, wie es auf arabisch heißt. Es erstreckt sich auf drei Tage. Im Haus feierten wir es am Samstag.
Rastend auf einem Weg, der noch kein Ziel erblicken lässt, verunsichert, durch Abschiebung bedroht, verkörpern 16 Burschen ihren Urahn Abraham. Er zog fort aus einer befestigten, sicheren Stadt, in der er für sich und die Seinen keine Zukunft mehr sah, um fortan unstet durch Steppen und Wüsten zu ziehen und dabei Gott und sein Leben zu finden.
Heute kommen seine Nachfahren aus einem verwüsteten Land wieder in einer Stadt bei uns in Wien an. Unser Wohnhaus nennt sich „Abraham“. Schließt sich ein Kreis? Oder ist es ein Ausgangsort für eine noch längere Reise ins Ungewisse? Abraham war alt, sie sind noch jung, fragen sich aber nicht minder: „Wo wird mein Zuhause sein? Wo werde ich mein Lebensglück finden?“
Wir feierten in der Wohngruppe gemäß unseren Möglichkeiten. Im Spiel vergegenwärtigten wir uns die dramatische Geschichte, in welcher Hagar und ihrem Sohn Ismael viel Unrecht getan wurde. Dieser tollte voll Freude über die Geburt seines Bruders Isaak herum, was dessen Mutter, Sara missfiel. Auf ihr Geheiß schickte Abraham beide in die Wüste, wurden aber vom Engel Gottes errettet, als sie schon am Verdursten waren. Einer der Burschen rezitierte die Sure, in der Abraham eines Besseren von Gott belehrt wird: Gott will nicht Opfer und schon gar nicht Menschenopfer, er erwartet die liebende Hingabe an Gott, der das wahre Leben ist!
Dem gaben wir uns auch hin in einem bescheidenen, aber festliches Essen und Trinken, welches Mir mit Ali und andern in ähnlicher Hingabe vorbereitet hatte. Süßes durfte dabei auch nicht fehlen. Schließlich holte Monir eine Tommel, in temperamentvoller Hingabe schlug er einen heimatlichen Rhythmus. Paul, unser amerikanischer Praktikant, nahm die Gitarre zur Hand. Schon bald gab es keinen mehr, der nicht davon erfasst wurde, mittanzte und klatschte. Freudige Stimmung beherrschte den Abend bis spät in die Nacht.
Ein paar Tage danach. Ich fragte Nematullah, er kommt aus Afghanistan: „Wie war es?“
Nematullah: „Das Fest war gut. Wir haben gut gegessen, miteinander gesprochen und viel gelacht.“
„Und auch getanzt.“
„Das tun bei diesem Fest mehr die Frauen,“ ergänzte Nurullah.
„Interessant“, stellte ich fest: „Und was ist noch besonders an diesem Fest?“
Nematullah: „Ein Lamm wird (er deutet: Hals abschneiden).“
„Wir sagen geschlachtet oder geschächtet.“
Nematullah wiederholt: „Geschächtet. Alle verwandten kommen zu Besuch. Man wird zu den Nachbarn eingeladen.“
„Diesmal bist du zum ersten Mal nicht dabei und bist hier alleine.“
Er sah mich an. Sein Blick wurde mehr als nachdenklich. Er sagte lange nichts. Ich merkte seine Traurigkeit. Dann sagte er:
„Es sind jetzt alle meine Freunde hier von Don Bosco. Alle waren zufrieden. Es war ein gutes Fest. Ich danke allen, die zusammen geholfen. Und ich wünsche viel Glück allen auf dem weiteren Weg in die Zukunft.“
Diese Zukunft steht ähnlich wie für Abraham mehr als nur in den Sternen. Sie steht unter dem Fragezeichen auf Leben und Tod. Die Betreuer/innen im Team der Wohngemeinschaft mögen von manchen zynisch als „Gutmenschen“ beschimpft werden. Wir haben uns entschlossen auf der Seite des Lebens für diese jungen Leute zu stehen.
Rudolf Decker